Ein Projekt des Olympiazentrum Vorarlberg

Brustgesundheit im Sport: Der unterschätzte Faktor im Frauensport

Warum Brustschmerz und Brustverletzungen so selten zur Sprache kommen, was ein gut sitzender Sport-BH leistet und weshalb gerade Mädchen in der Pubertät Aufmerksamkeit verdienen.

Lesezeit: ca. 8 Minuten – Rubrik: Verletzungen


Ein Problem, über das niemand spricht

Bei der internationalen U18-Six-Nations im Frauenrugby wurden 110 junge Spielerinnen zu Brustverletzungen und Brustschmerz befragt. Fast vier von zehn hatten im vergangenen Jahr eine Kontaktverletzung der Brust erlitten. Die bemerkenswerteste Zahl ist jedoch eine andere: Keine einzige dieser Verletzungen war dem Trainer- oder medizinischen Team gemeldet worden (Kirby et al., 2025). Der Titel der Studie fasst das Problem in vier Worten zusammen: „Don’t tell the coach“.

Knieverletzungen, Stressfrakturen und Gehirnerschütterungen werden im Frauensport längst systematisch erfasst und erforscht. Die Brust dagegen ist ein blinder Fleck – in der Verletzungsstatistik, in der Trainingspraxis und in der Forschung. Dieser Beitrag fasst zusammen, was die aktuelle Wissenschaft dazu weiß, und zeigt, wo sich mit überschaubarem Aufwand viel bewegen lässt.


Was bedeutet Brustgesundheit im Sport?

Unter Brustgesundheit im Sport werden alle Beschwerden zusammengefasst, die die Brust beim Training und im Wettkampf betreffen. Drei Ursachen lassen sich unterscheiden.

Mechanische Belastung durch Bewegung. Beim Laufen und Springen bewegt sich die Brust in allen Bewegungsebenen mit – nach oben und unten, zur Seite und nach vorne. Eine kontrollierte Laborstudie an 30 Freizeitläuferinnen zeigte, dass diese Bewegung bei größerem Brustvolumen deutlich stärker ausfällt, und zwar selbst dann, wenn ein Hochstütz-Sport-BH getragen wird (Bennett et al., 2025). Ein guter Sport-BH dämpft die Brustbewegung also – aufheben kann er sie nicht.

Kontaktverletzungen. Schläge, Stöße, Zusammenpralle und Tacklings verursachen Prellungen und andere Verletzungen der Brust. Sie treten vor allem in Kontakt- und Kampfsportarten auf, kommen aber auch in kontaktfreien Sportarten vor (Dang et al., 2025).

Hormonelle Einflüsse. Brustschmerz kann auch zyklisch auftreten. Eine prospektive Studie an 24 Rugbyspielerinnen dokumentierte über fünf Wochen täglich die Beschwerden und bestimmte zu drei Zyklusphasen die Hormonspiegel im Blut. Die Schmerzbewertungen stiegen zu Beginn der Menstruation sowie rund 14 bis 26 Stunden vor dem Eisprung an. Überraschend dabei: Nicht hohe, sondern niedrigere Östradiol- und Progesteronspiegel gingen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für Brustschmerz einher (Brisbine et al., 2025). Die Autor:innen liefern damit den ersten quantitativen Nachweis dieses Zusammenhangs bei Athletinnen. Da Stichprobe, Sportart und Kulturkreis begrenzt sind, gilt der Befund als wegweisend, aber noch nicht als verallgemeinerbar.


Wie verbreitet sind Brustbeschwerden?

Die erste Übersichtsarbeit zu Brustverletzungen im Frauensport ist zugleich ein Befund für sich: Von 152 identifizierten Arbeiten erfüllten weltweit nur acht die Einschlusskriterien. Aus diesen Studien ergibt sich eine Prävalenz von Brustverletzungen zwischen 26 und 58 %, wobei Kontakt- und Kampfsportarten stärker betroffen sind. Die meisten Verletzungen wurden als leicht bis mittelschwer eingestuft, weil die Athletinnen weiterspielten – allerdings mit spürbarer Leistungsminderung. In seltenen Fällen traten schwere Verletzungen mit Langzeitfolgen und Operationsbedarf auf. Gemeldet werden nach Einschätzung der Autor:innen nur rund 10 % aller Verletzungen (Dang et al., 2025).

Die Befragung der 110 U18-Rugbyspielerinnen konkretisiert dieses Bild für den Nachwuchs (Kirby et al., 2025):

  • 39 % hatten eine Kontaktverletzung der Brust erlitten, 43 % litten unter belastungsinduziertem Brustschmerz.
  • 77 % der Betroffenen hatten sich im Vorjahr mehrfach verletzt.
  • 64 % meldeten ihre Verletzung nicht – und beim Trainer- oder medizinischen Personal kam kein einziger Fall an.
  • Mehr als die Hälfte wandte keinerlei Schutzstrategie an.

Auch außerhalb der Athletinnenrolle ist das Thema allgegenwärtig: In einer Interventionsstudie mit 104 Schiedsrichterinnen aus dem Elite- und Nationalbereich berichteten 93 % mindestens ein brust- oder BH-bezogenes Problem; ein Viertel nannte Schwierigkeiten durch das Zusammenspiel von BH und Ausrüstung am Oberkörper (Burbage et al., 2026).


Pubertät: Wenn die Brust zur Hürde wird

Besonders sensibel ist die Phase der Brustentwicklung. Eine große britische Befragung von 2.089 Schülerinnen zwischen 11 und 18 Jahren zeigte, dass die Brust für 46 % der Mädchen die Teilnahme am Schulsport beeinflusst. Bei den 13- bis 14-Jährigen lag der Anteil bei 51 %, bei Mädchen mit größerer Brust bei 63 %. Mehr als ein Drittel schämte sich beim Umziehen wegen der Brust oder des BHs, und mehr als die Hälfte trug beim Sport nie einen Sport-BH (Scurr et al., 2016 – ergänzende Studie, außerhalb des aktuellen Suchzeitraums).

Eine Studie, die den Sportausstieg in der Pubertät ursächlich auf die Brustentwicklung zurückführt, liegt bislang nicht vor. Die Daten zeigen jedoch deutlich: Die Brust wird für fast jedes zweite Mädchen zur Hürde beim Sport – und zwar in genau jenem Alter, in dem sich entscheidet, ob Sport ein fester Bestandteil des Lebens bleibt. Gleichzeitig äußerten 87 % der befragten Schülerinnen den Wunsch, mehr über ihre Brust zu erfahren. Der Bedarf an Aufklärung ist also nicht nur vorhanden, er wird von den Mädchen selbst formuliert.


Körperliche Folgen: Schmerz, Leistung, Atmung

Leistung. Bei den U18-Rugbyspielerinnen gaben 27 % an, dass Brustschmerz ihre Leistung beeinträchtigt. Als besonders schmerzhaft wurden Laufen, Springen und Tackling beschrieben (Kirby et al., 2025).

Laufökonomie. Hier lohnt ein genauer Blick, denn zwei Studien ergänzen einander. Die Laborstudie von Bennett et al. (2025) fand keinen Einfluss der Brustgröße auf die Laufökonomie – alle Teilnehmerinnen trugen dabei einen Hochstütz-Sport-BH. Wohl aber veränderte die stärkere Brustbewegung die Oberkörpermechanik: Bei 10 km/h zeigten Läuferinnen mit größerem Brustvolumen eine höhere seitliche Winkelgeschwindigkeit des Rumpfes. Eine ältere Crossover-Studie verglich dagegen den Stützgrad: Mit einem hoch stützenden statt eines schwach stützenden Sport-BHs sank der Sauerstoffverbrauch beim Laufen um rund 7 %, und der Effekt war umso größer, je größer die Brust (Fong & Powell, 2022 – ergänzende Studie). Zusammen gelesen ergibt sich eine klare Botschaft: Die Brustgröße ist kein Leistungsnachteil, sofern der Halt stimmt.

Atmung. Guter Halt bedeutet allerdings nicht „so eng wie möglich“. Bei 17 Elite-Juniorläuferinnen führte ein zunehmend enges Unterbrustband bei intensivem Laufen zu Ermüdung des Zwerchfells, höherer wahrgenommener Atemanstrengung und beeinträchtigter Ventilation (Harbour et al., 2025 – ergänzende Studie). Der Sport-BH soll fest sitzen, darf die Atmung aber nicht einschnüren.


Hinweise für Trainer:innen und Betreuer:innen

Die wichtigste Erkenntnis der aktuellen Forschung betrifft weniger die Verletzung selbst als das Schweigen darüber. Wenn keine einzige Brustverletzung junger Spielerinnen das Betreuungsteam erreicht (Kirby et al., 2025), liegt das Problem nicht bei den Athletinnen, sondern in einer Umgebung, in der das Thema keinen Platz hat. Für Trainer:innen ergeben sich daraus konkrete Ansatzpunkte:

  • Das Thema aktiv und selbstverständlich ansprechen. Brustgesundheit gehört in dieselbe Reihe wie Knie-, Sprunggelenks- und Kopfverletzungen und sollte genauso sachlich behandelt werden.
  • Meldewege schaffen, die niedrigschwellig sind. Nicht jede Athletin spricht Beschwerden gegenüber einem Trainer an. Eine weibliche Ansprechperson im Betreuungsteam kann die Hürde senken.
  • Brustverletzungen in die Verletzungserfassung aufnehmen. Die fehlende systematische Erfassung ist einer der zentralen Gründe, warum das Ausmaß des Problems unterschätzt wird (Dang et al., 2025).
  • Den Zyklus mitdenken. Brustschmerz kann zyklusabhängig schwanken (Brisbine et al., 2025). Ein Zyklustracking, wie es in vielen Teams bereits genutzt wird, kann auch diese Beschwerden sichtbar machen.
  • Im Nachwuchs besonders aufmerksam sein. Rückzug aus dem Training, Meiden der Umkleide oder auffälliges Zurückhalten bei Sprung- und Laufübungen können Hinweise darauf sein, dass die Brustentwicklung zur Belastung wird.

Handlungsempfehlungen

Die ermutigendste Nachricht dieses Themas: Schon wenig Aufwand zeigt messbare Wirkung.

Aufklärung wirkt – bei Erwachsenen wie bei Mädchen. Bei den Schiedsrichterinnen genügte eine einstündige Online-Schulung, um das Wissen zur Brustgesundheit signifikant zu verbessern. Jene 20 Elite-Offiziellen, die zusätzlich eine individuelle BH-Anpassung und einen verordneten Hochstütz-BH erhielten, waren nach vier Wochen in allen Bereichen zufriedener als mit ihrem eigenen BH – bei Passform, Halt und Brustschmerz (Burbage et al., 2026). Für den Nachwuchs zeigt eine kontrollierte Schulstudie ein vergleichbares Bild: Eine einzige 50-minütige Unterrichtseinheit verbesserte bei 11- bis 14-jährigen Mädchen Wissen, Einstellung zur eigenen Brust und Gewohnheiten wie das Tragen eines Sport-BHs – und die Effekte hielten mindestens sechs Monate an (Omrani et al., 2020 – ergänzende Studie).

Daraus lassen sich folgende Empfehlungen ableiten:

  1. Brustgesundheit in Vereine, Verbände und Schulen tragen. Eine kurze, sachliche Schulungseinheit – idealerweise zu Beginn der Pubertät – ist eine der wirksamsten und zugleich kostengünstigsten Maßnahmen.
  2. Sport-BHs fachgerecht anpassen lassen. Individuelle Beratung verbessert Passform, Halt und Schmerz messbar. Athletinnen mit größerer Brust profitieren von gutem Halt besonders stark.
  3. Auf die richtige Spannung achten. Das Unterbrustband soll fest sitzen, darf beim Atmen aber nicht einschnüren – vor allem bei intensiven Laufeinheiten.
  4. Den BH mit der Ausrüstung abstimmen. Wo Brustschutz, Trikot, Weste oder andere Ausrüstung am Oberkörper getragen werden, sollte der BH darauf abgestimmt sein.
  5. Beschwerden ernst nehmen und dokumentieren. Anhaltender, starker oder nach einem Kontakt auftretender Brustschmerz sollte ärztlich abgeklärt werden.

Fazit

Brustverletzungen und Brustschmerz betreffen im Frauensport je nach Sportart bis zu mehr als die Hälfte der Athletinnen – und bleiben dennoch meist unsichtbar. Die Forschung steht erst am Anfang, und genau das sollte offen benannt werden. Doch schon heute ist klar: Ein gut sitzender Sport-BH, eine offene Gesprächskultur und eine kurze, frühe Aufklärung reichen aus, um Schmerzen zu lindern, Leistung zu sichern und Mädchen im Sport zu halten.

Athletinnen verdienen eine Sportumgebung, in der kein Teil ihres Körpers ein Tabu ist – vom ersten Training bis zum letzten Wettkampf.


Quellen

Kernstudien

  1. Dang, R. et al. (2025). Breast injuries in women’s sports: a scoping review. Journal of Science and Medicine in Sport. https://doi.org/10.1016/j.jsams.2025.04.004
  2. Kirby, E. E. et al. (2025). „Don’t tell the coach“: contact breast injury and breast pain in under-18 international female rugby players. BMJ Open Sport & Exercise Medicine. https://doi.org/10.1136/bmjsem-2025-002736
  3. Burbage, J. et al. (2026). Impact of breast health education and individual sports bra prescription on elite female football match officials. Journal of Sports Sciences. https://doi.org/10.1080/02640414.2026.2623565
  4. Bennett, M. J. et al. (2025). What Is the Effect of Breast Size on Running Economy and Upper Body Biomechanical Factors? Medicine & Science in Sports & Exercise. https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000003780
  5. Brisbine, B. R. et al. (2025). How Do Fluctuations in Endogenous Sex Hormones Affect Breast Pain in Female Athletes? Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports. https://doi.org/10.1111/sms.70101

Ergänzende Studien

  1. Harbour, E. et al. (2025). Sports bra tightness affects respiratory muscle fatigue, breathing pattern, and perceptual responses during running. Journal of Sports Sciences. https://doi.org/10.1080/02640414.2025.2526277
  2. Fong, H. B. & Powell, D. W. (2022). Greater Breast Support Is Associated With Reduced Oxygen Consumption and Greater Running Economy During a Treadmill Running Task. Frontiers in Sports and Active Living. https://doi.org/10.3389/fspor.2022.902276
  3. Scurr, J. et al. (2016). The Influence of the Breast on Sport and Exercise Participation in School Girls in the United Kingdom. Journal of Adolescent Health. https://doi.org/10.1016/j.jadohealth.2015.10.005
  4. Omrani, A. et al. (2020). Breast Education Improves Adolescent Girls‘ Breast Knowledge, Attitudes to Breasts and Engagement With Positive Breast Habits. Frontiers in Public Health. https://doi.org/10.3389/fpubh.2020.591927

Disclaimer

Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden oder starken Brustschmerzen, tastbaren Veränderungen der Brust oder nach Verletzungen empfiehlt sich eine Abklärung durch eine Ärztin oder einen Arzt.

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