Ein Projekt des Olympiazentrum Vorarlberg

Pubertät & Leistungssport: Warum Mädchen in der wichtigsten Entwicklungsphase verloren gehen

Lesedauer: ca. 8 Minuten | Kategorie: Adoleszenz


Die Phase, in der sich entscheidet, wer bleibt

Es gibt im Nachwuchsleistungssport wenige Zeitfenster, die so viel entscheiden und so wenig systematisch begleitet werden wie die Pubertät. Innerhalb weniger Jahre verändern sich Körperproportionen, Hormonlage, Selbstwahrnehmung und soziales Umfeld gleichzeitig – und genau in dieser Phase verlassen viele Mädchen den organisierten Sport. Die Pubertät gilt in der Forschung als einer der Hauptgründe für den Dropout von Mädchen im Jugendalter (Radovan et al., 2025).

Die Studienlage der vergangenen zwei Jahre zeigt allerdings etwas Bemerkenswertes: Nicht die Pubertät selbst ist das Problem. Problematisch ist, wie im Sport mit ihr umgegangen wird – oder genauer: dass mit ihr meist gar nicht umgegangen wird.


Biologisches statt chronologisches Alter

Zwei gleichaltrige 13-Jährige können biologisch mehrere Jahre auseinanderliegen. Die eine steht noch vor dem Wachstumsschub, die andere hat ihn bereits abgeschlossen. Trainiert werden beide meist gleich – nach Jahrgang.

Ein narratives Review von Lundberg, Parry und Cumming (2026) hat die Debatte um die Erfassung von Wachstum und Reifung im Nachwuchssport systematisch aufgearbeitet. Anlass war eine berechtigte Sorge: Einzelne medizinische Beiräte hatten davor gewarnt, dass das Wiegen und Vermessen junger Athlet:innen Körperbildstörungen und Essstörungen begünstigen könnte, und teilweise generell von anthropometrischen Messungen abgeraten. (Lundberg et al., 2026)

Das Review stellt Nutzen und Risiken gegenüber und kommt zu einem differenzierten Ergebnis. Auf der Nutzenseite stehen drei Punkte:

  • Verletzungsprävention: Athletinnen in Phasen raschen Wachstums lassen sich identifizieren – genau jene, die ein erhöhtes Risiko für wachstums- und überlastungsbedingte Verletzungen tragen.
  • Individualisiertes Training: Die Programmgestaltung kann am biologischen statt am chronologischen Alter ausgerichtet werden.
  • Faire Talentsichtung: Reifebedingte Selektionsverzerrungen, die spätreife Athletinnen systematisch aussortieren, lassen sich ausgleichen.

Auf der Risikoseite bestätigt das Review, dass die Sorge um Körperbild und Essstörungen ernst zu nehmen ist. Entscheidend ist aber der Befund dahinter: Das Risiko geht der Evidenz zufolge nicht von der Messung selbst aus, sondern davon, wie die Information kommuniziert wird – und vom soziokulturellen und trainingsbezogenen Umfeld, in dem gemessen wird.


Wie viele aussteigen – und wen es trifft

Die belastbarsten Zahlen zum Dropout stammen aus einer australischen Längsschnittstudie. Gopalan und Kolleg:innen (2025) werteten Daten der Health4Life-Studie aus: 6.639 Jugendliche – davon 3.226 Mädchen – aus 71 weiterführenden Schulen, begleitet von 2019 bis 2022, Durchschnittsalter zu Beginn 12,9 Jahre. Untersucht wurde, wie Pubertätsstadium, relatives Reifetiming und Menstruationsstatus die Teilnahme an organisiertem Einzel- und Mannschaftssport beeinflussen. (Gopalan et al., 2025)

Die Sportbeteiligung sank über den Beobachtungszeitraum bei allen Jugendlichen. Burschen und Mädchen reagierten jedoch grundlegend unterschiedlich auf die Pubertät:

  • Mädchen reduzierten ihre Teilnahme am organisierten Einzelsport in der mittleren, späten und postpubertären Phase signifikant.
  • Früh reifende Mädchen nahmen signifikant seltener an organisiertem Mannschafts- und Einzelsport teil.
  • Das Eintreten der Menarche war mit geringeren Chancen auf Teilnahme am Einzelsport verbunden.
  • Bei Burschen hatte das relative Reifetiming keinerlei Einfluss. Sie zeigten in der frühen Pubertät sogar eine leicht höhere Wahrscheinlichkeit für Mannschaftssport und in der späten Pubertät für Einzelsport.

Der Befund zum frühen Reifetiming ist der praktisch wichtigste: Es ist nicht die Pubertät als solche, die Mädchen aus dem Sport drängt, sondern das Erleben, körperlich vor den Gleichaltrigen zu sein – in einem Umfeld, das darauf nicht vorbereitet ist.

Warum das so ist, beleuchtet ein globales Scoping Review von Harvey und Kolleg:innen (2025). Fünf Datenbanken wurden nach Studien zu Menstruation und körperlicher Aktivität bei 10- bis 18-Jährigen durchsucht; 86 Studien aus 33 Ländern wurden eingeschlossen. (Harvey et al., 2025)

Das Review beschreibt eine wechselseitige Beziehung: Menstruation kann körperliche Aktivität behindern – über Symptome, gesellschaftliche Stigmatisierung und den Zugang zu Menstruationsprodukten –, während körperliche Aktivität die Symptome bei manchen Mädchen lindert. Die Erfahrungen unterscheiden sich dabei stark nach kulturellen, sozialen und ressourcenbezogenen Rahmenbedingungen. Bemerkenswert ist, dass zwei der drei genannten Barrieren – Stigma und Produktzugang – nichts mit Physiologie zu tun haben, sondern mit Organisation und Kultur. Sie sind damit veränderbar.


Was im Körper passiert: das Risikofenster

Während der Wachstumsschub läuft, steigt das Verletzungsrisiko – aber nicht gleichmäßig. Wie genau, hat eine der aufwendigsten Kohortenstudien der letzten Jahre gezeigt. MacSweeney und Kolleg:innen (2026) begleiteten an einer Eliteballettschule über sieben Jahre 506 Vollzeit-Tanzstudierende. Der Analyseweg wurde vorab über einen gerichteten azyklischen Graphen festgelegt, ausgewertet wurde mit generalisierten linearen und polynomialen gemischten Modellen. (MacSweeney et al., 2026)

Drei Ergebnisse sind für die Trainingspraxis unmittelbar relevant:

Die Wachstumsgeschwindigkeit ist der Treiber. Zwischen Wachstumsrate und wachstumsbedingten Verletzungen bestand ein signifikant positiver Zusammenhang (p = 0,0006). Je schneller gewachsen wird, desto höher das Risiko.

Das Risiko folgt einer umgekehrten U-Kurve. Zwischen prozentualer Erwachsenengröße und Verletzungshäufigkeit zeigte sich ein umgekehrt U-förmiger Verlauf (quadratischer p-Wert = 0,0019). Am höchsten war das Risiko bei 85 bis 95 Prozent der Erwachsenengröße – also in der Phase kurz vor Abschluss des Längenwachstums. Für Knochenverletzungen ergaben sich ähnliche Zusammenhänge, allerdings mit deutlich größerer Streuung.

Der BMI sagt nichts vorher. Weder die alters- und geschlechtsspezifische BMI-Perzentile noch deren Veränderung standen mit einem der beiden Verletzungstypen in Zusammenhang. Damit fällt genau jener Wert als Risikomarker aus, der in der Praxis am häufigsten herangezogen wird – und der zugleich am ehesten Körperbildprobleme auslöst.

Praktisch heißt das: Wer wissen will, welche Athletin gerade besonders gefährdet ist, sollte Körperhöhe und Wachstumsgeschwindigkeit verfolgen, nicht das Gewicht.


Hinweise für Trainer:innen und Betreuer:innen

Die Wissenslücke ist größer als vermutet. Radovan und Kolleg:innen (2025) befragten 1.323 schwedische und norwegische Athletinnen aus zehn Sportarten (16 bis 24 Jahre, Mittelwert 18,7 Jahre; je etwa zur Hälfte Mannschafts- und Einzelsport) zu ihrem Wissen über biopsychosoziale Veränderungen in der Pubertät. Das Ergebnis: durchgehend niedriges wahrgenommenes Wissen bei hohem Wissensbedarf. (Radovan et al., 2025)

Die Unterschiede zwischen den Sportarten sind aufschlussreich. Mannschaftssportlerinnen berichteten mehr Wissen zu individuellen Unterschieden, Gruppenzusammenhalt, sozialem Vergleich, Akzeptanz in der Gruppe und Regeneration. Einzelsportlerinnen äußerten dafür größeren Bedarf zu hormonellen Veränderungen, individuellen Unterschieden und Veränderungen der Körperzusammensetzung. Eine Netzwerkanalyse zeigte zudem, dass sich Wissen innerhalb der Domänen bündelt: Biologisches, Psychosoziales und Verhaltensbezogenes bleibt getrennt – ein Hinweis darauf, dass Aufklärung bisher punktuell und nicht ganzheitlich stattfindet.

Fünf Prinzipien für die Reifebestimmung. Lundberg und Kolleg:innen (2026) schlagen einen konkreten Rahmen vor, damit Wachstums- und Reifeerfassung nützt statt schadet:

  1. Aufklärung aller Beteiligten – Athletinnen, Eltern, Trainer:innen
  2. Schutz der erhobenen Daten
  3. Freiwillige Teilnahme
  4. Durchführung durch geschultes Fachpersonal
  5. Einbettung in ein ganzheitliches, kindzentriertes Monitoring

Der entscheidende Punkt liegt bei Prinzip eins und fünf: Eine Zahl, die ohne Erklärung und ohne Kontext genannt wird, richtet Schaden an. Dieselbe Zahl, eingebettet in ein Gespräch über Entwicklung, wird zur Entlastung.


Handlungsempfehlungen

Für Vereine, Verbände und Betreuungsteams ergeben sich aus der aktuellen Evidenz fünf Ansatzpunkte:

  1. Körperhöhe regelmäßig erfassen, Gewicht zurückstellen. Wachstumsgeschwindigkeit und prozentuale Erwachsenengröße sind die aussagekräftigen Größen; der BMI ist es nicht.
  2. Die Phase zwischen 85 und 95 Prozent der Erwachsenengröße als Risikofenster behandeln. In dieser Zeit gehören Umfang, Sprung- und Landebelastungen sowie Trainingsdichte gezielt angepasst.
  3. Früh reifende Mädchen aktiv begleiten. Sie sind die Gruppe mit dem höchsten Ausstiegsrisiko – und werden in der Praxis oft übersehen, weil sie körperlich überlegen wirken.
  4. Aufklärung als Trainingsinhalt verstehen. Hormonelle Veränderungen, Körperzusammensetzung, Regeneration und Menstruationsgesundheit gehören ins Programm, nicht in ein Einzelgespräch bei Bedarf.
  5. Rahmenbedingungen prüfen. Zugang zu Menstruationsprodukten, geeignete Umkleiden und ein Klima, in dem das Thema angesprochen werden kann, sind niederschwellige und wirksame Hebel.

Die Pubertät ist keine Störung des sportlichen Entwicklungswegs, sondern sein zentraler Abschnitt. Sie kostet den Sport derzeit einen erheblichen Teil einer ganzen Generation von Athletinnen – nicht aus biologischer Notwendigkeit, sondern weil Wissen, Kommunikation und Rahmenbedingungen hinterherhinken. Genau das ist die gute Nachricht: Alle drei lassen sich verändern.


Quellen

  1. Lundberg TR, Parry GN, Cumming SP (2026). Growth and Maturation Assessment in Youth Sport: Balancing Benefits and Risks. Scandinavian Journal of Medicine & Science in Sports. DOI: 10.1111/sms.70361 · PMID: 42608346
  2. MacSweeney N, Sheriff K, Fitzpatrick C, Cohen DD, Price PDB, Mahaffey R, Pedlar C, Shaw JW (2026). Adolescent maturation and injury risk in an elite ballet school: a 7-year cohort study of 506 students. British Journal of Sports Medicine. DOI: 10.1136/bjsports-2025-110306 · PMID: 41771705
  3. Gopalan SS, O’Dean S, Jean Buckler E, Liu S, Gardner LA, Champion K (2025). A Longitudinal Assessment of the Impact of Biological Maturity and Menarche on Adolescents‘ Organized Sport and Physical Activity Participation. Journal of Adolescence. DOI: 10.1002/jad.12512 · PMID: 40342170
  4. Harvey J, Western MJ, Townsend NP, Francombe-Webb J, Sebire S, Malkowski OS, Remskar M, Burfitt E, Solomon-Moore E (2025). Adolescents, menstruation, and physical activity: insights from a global scoping review. BMC Women’s Health. DOI: 10.1186/s12905-025-03825-w · PMID: 40481462
  5. Radovan F, Solstad BE, Kjær JB, Melin A, Ausland Å, Bjärsholm D, Ivarsson A, Torstveit MK, Laxdal A, Ryman Augustsson S, Linner S (2025). Female athletes‘ knowledge of biopsychosocial puberty-related topics in sports. What is missing? Frontiers in Sports and Active Living. DOI: 10.3389/fspor.2025.1596418 · PMID: 40778310

Disclaimer

Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung. Bei ausbleibender oder stark verzögerter Menarche, anhaltenden Wachstumsschmerzen, wiederkehrenden Überlastungsbeschwerden oder Auffälligkeiten im Essverhalten wird empfohlen, eine sportmedizinische, kinderärztliche oder gynäkologische Fachperson beizuziehen.

© femaleathlete.at · Olympiazentrum Vorarlberg · September 2026
Alle Rechte vorbehalten. Wissenschaftliche Grundlage: peer-reviewte Studien (PubMed/PMC).

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