Kategorie: Psychologie & Ernährung · Lesedauer: ca. 8 Minuten
Zielgruppe: Athletinnen, Trainer:innen, Sportwissenschaftler:innen
Datum: August 2026 · © femaleathlete.at
Der unsichtbare Druck
Trainingsplan. Wettkampfkalender. Körpergewicht. Für viele Athletinnen ist der Alltag durchgetaktet – und mittendrin steht die Frage: Esse ich das Richtige? Zu viel? Zu wenig? Diese Gedanken bleiben oft unausgesprochen. Dabei sind sie alles andere als selten.
Aktuelle Forschung zeigt: Gestörtes Essverhalten ist im Leistungssport eine der häufigsten psychischen Belastungen – und Athletinnen sind besonders betroffen. Nicht weil sie schwächer wären, sondern weil das Sportumfeld spezifische Risikofaktoren mitbringt, die in keinem Trainingsplan stehen.
Was ist gestörtes Essverhalten im Sport?
Gestörtes Essverhalten (englisch: Disordered Eating) umfasst ein breites Spektrum an problematischen Verhaltensweisen rund um Essen, Trinken und Körpergewicht. Es reicht von wiederkehrendem restriktivem Essen und Mahlzeitenauslassen über exzessiven Kaloriencount bis hin zu kompensatorischen Verhaltensweisen wie Erbrechen oder übertriebenem Sport nach dem Essen.
Wichtig: Gestörtes Essverhalten ist nicht dasselbe wie eine klinische Essstörung (z. B. Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge-Eating-Störung) – es kann aber ein Vorläufer davon sein und verdient unabhängig davon ernstgenommen zu werden.
Im Sportkontext kommt ein weiterer Faktor hinzu: Viele dieser Verhaltensweisen werden als „normal“ oder sogar als Zeichen von Disziplin wahrgenommen. Das macht frühe Erkennung und Intervention besonders schwierig.
Wie verbreitet ist das Problem?
Die Zahlen sind eindeutig. Eine globale Metaanalyse mit Daten von mehr als 50.000 Sportler:innen aus aller Welt zeigt: Etwa jede:r fünfte Athlet:in ist dem Risiko einer Essstörung ausgesetzt – bei Athletinnen ist dieses Risiko 2,5-mal höher als bei männlichen Athleten (Voelker et al., 2024).
Noch konkreter wird es beim Blick auf einzelne Sportarten. Eine Umbrella Review, die 24 Systematic Reviews und über 500 Primärstudien ausgewertet hat, nennt folgende Prävalenzraten für klinisch relevante Essstörungen (Swann et al., 2024):
- Ästhetische Sportarten (Turnen, Eiskunstlauf, rhythmische Sportgymnastik): 18–42 %
- Ausdauersportarten (Laufen, Triathlon, Radsport): ca. 24 %
- Technische Sportarten: ca. 17 %
- Ballsportarten: ca. 16 %
Zum Vergleich: In der weiblichen Allgemeinbevölkerung liegt die Prävalenz klinischer Essstörungen bei 2–12 %. Der Unterschied ist dramatisch.
Vom DGPPN-Kongress 2025 wurden noch höhere Zahlen für subklinische Formen berichtet: Rund 45 % der Athletinnen im Leistungssport zeigen Merkmale eines gestörten Essverhaltens – also fast jede zweite Frau, die auf Wettkampfniveau trainiert (Gradl-Dietsch et al., 2025).
Körperliche Folgen: Was gestörtes Essverhalten anrichtet
Gestörtes Essverhalten ist kein rein psychisches Problem – es hat handfeste körperliche Konsequenzen, die die Leistungsfähigkeit direkt beeinflussen:
Energiemangel (Low Energy Availability / LEA): Wenn die Kalorienaufnahme den Verbrauch durch Training und Grundumsatz nicht deckt, schaltet der Körper in den Sparmodus. Hormonproduktion, Knochenaufbau und Immunsystem leiden – langfristig mit dem Risiko von Stressfrakturen, Infektanfälligkeit und Leistungsplateau.
Hormonstörungen: Eine niedrige Energieverfügbarkeit supprimiert die Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achse. Zyklusunregelmäßigkeiten und Amenorrhoe sind häufige Folgen.
Kognitive Einschränkungen: Mangelnde Nährstoffversorgung beeinträchtigt Konzentration, Reaktionsfähigkeit und taktisches Denken – Faktoren, die im Wettkampf entscheidend sind.
Komorbidität: Aktuelle Daten zeigen, dass Essstörungssymptome bei Athletinnen häufig gemeinsam mit Angststörungen und Depressionen auftreten. Athletinnen haben gegenüber männlichen Athleten ein 2,19-fach erhöhtes Risiko für gestörtes Essverhalten (RR 2,19; 95 % CI 1,58–3,02) – und das häufig in Kombination mit anderen psychischen Belastungen (Kew et al., 2026).
Risikofaktoren: Was macht Athletinnen anfällig?
Aktuelle Forschung identifiziert mehrere sportspezifische Risikofaktoren:
Sportartspezifischer Druck: In ästhetischen Disziplinen wird der Körper direkt bewertet. Das schafft eine einzigartige Druckdynamik – und ein erhöhtes Risiko für Körperbildstörungen.
Perfektionismus und Leistungsorientierung: Eigenschaften, die im Sport von Vorteil sind, können gleichzeitig Risikofaktoren für Essstörungen darstellen. Disziplin, Ehrgeiz und Kontrolle – positiv im Training, problematisch, wenn sie sich auf das Essverhalten übertragen.
Normalisierte Verhaltensweisen im Team: Qualitative Forschung zeigt, dass restriktives Essen, Kommentare über Körpergewicht und Diätverhalten im Teamumfeld oft als normal wahrgenommen werden. Das erschwert die Früherkennung erheblich (Fatt et al., 2024).
Trainer:innen-Kommentare zu Körper und Gewicht: Unbedachte Bemerkungen über Körperform oder Gewicht können als Trigger wirken – besonders in vulnerablen Entwicklungsphasen.
Fehlendes Wissen im Umfeld: Trainer:innen und Betreuer:innen erkennen Symptome häufig nicht oder interpretieren sie als Disziplin. Eine 2025 publizierte Validierungsstudie zeigt, dass standardisierte Beobachtungsinstrumente für Trainer:innen dringend benötigt werden (Lunde et al., 2025).
Besonders kritisch: Das Jugendalter
Eine prospektive Kontrollstudie aus 2025 mit über 800 Athletinnen unterschiedlicher Leistungsstufen zeigt: Jugendliche Leistungssportlerinnen (unter 16 Jahren) sind besonders gefährdet. Prädiktive Faktoren für die Entwicklung eines gestörten Essverhaltens sind niedriges Selbstwertgefühl, hoher Leistungsdruck und geringe soziale Unterstützung durch Trainer:innen.
Gleichzeitig zeigt diese Studie Hoffnung: Frühe Intervention – bereits vor dem 16. Lebensjahr – kann das Risiko einer klinischen Chronifizierung um bis zu 40 % reduzieren (Martinsen et al., 2025).
Barrieren beim Hilfesuchen – und was dagegen hilft
Warum sprechen Athletinnen so selten über ihre Essprobleme? Die Gründe liegen tief im Sportumfeld verankert: Stigma, Angst vor Leistungseinbußen, das Gefühl, mit dem Problem allein zu sein – und der Glaube, dass es zum Leistungssport einfach dazugehört.
Qualitative Forschung zeigt, dass das Vertrauen zu Trainer:innen und Sportpsycholog:innen der wichtigste Faktor für frühzeitiges Hilfesuchen ist. Trainer:innen, die offen und wissend kommunizieren, schaffen eine Schutzwirkung (Fatt et al., 2024).
Hinweise für Trainer:innen & Betreuer:innen
Früherkennung ist der Schlüssel. Folgende Warnsignale verdienen Aufmerksamkeit:
- Wiederkehrende Ausreden beim Essen (kein Hunger, Magenprobleme)
- Auffällige Beschäftigung mit Körpergewicht, Kalorien oder Diäten
- Leistungseinbrüche ohne erklärbare körperliche Ursache
- Soziale Isolation rund um Mahlzeiten
- Körperliche Anzeichen: Gewichtsschwankungen, Haarausfall, Kältegefühl, häufige Infekte
- Zyklusunregelmäßigkeiten (Rückmeldung durch die Athletin oder Eltern)
Was Trainer:innen konkret tun können:
- Kommentare über Körper und Gewicht vermeiden – diese können als Trigger wirken, auch wenn sie gut gemeint sind.
- Positive Körpernorm etablieren – Leistungsfähigkeit in den Vordergrund stellen, nicht Körperform.
- Offene Gesprächskultur schaffen – Athletinnen sollen das Gefühl haben, über Essverhalten sprechen zu können, ohne Konsequenzen für den Kader zu fürchten.
- Frühzeitig an Fachpersonen verweisen – Sportpsycholog:innen, Ernährungsberater:innen und Sportmediziner:innen bilden das optimale Unterstützungsnetz.
- Standardisierte Screeninginstrumente einsetzen – in enger Absprache mit medizinischem Fachpersonal.
Handlungsempfehlungen
Für Athletinnen:
- Den eigenen Körper als Leistungspartner:in verstehen – nicht als Problem, das optimiert werden muss.
- Bei anhaltenden Gedanken rund um Essen, Gewicht oder Körperbild professionelle Unterstützung suchen – das ist ein Zeichen von Stärke.
- Sportpsychologische Angebote im Training aktiv nutzen.
Für Trainer:innen und Betreuer:innen:
- Regelmäßige Fortbildungen zu mentalem Wohlbefinden und Essstörungen im Sport.
- Zusammenarbeit mit einem interdisziplinären Betreuungsteam (Sportpsychologie, Ernährungswissenschaft, Sportmedizin).
- Strukturierte Befragungen im Rahmen von Periodisierungsgesprächen etablieren.
Für Sportverbände:
- Enttabuisierung durch offene Kommunikation auf Verbandsebene.
- Prävention als Teil der Leistungsdiagnostik verankern.
- Screeningpflichten für Nachwuchsleistungszentren prüfen.
Quellen
- Swann C et al. (2024). An Umbrella Review of Body Image Concerns, Disordered Eating, and Eating Disorders in Elite Athletes. Journal of Clinical Medicine, 13(14), 4171. https://doi.org/10.3390/jcm13144171
- Fatt SJ et al. (2024). A Systematic Review and Meta-synthesis of Qualitative Research Investigating Disordered Eating and Help-Seeking in Elite Athletes. International Journal of Eating Disorders. PMID: 38619220. https://doi.org/10.1002/eat.24205
- Voelker DK et al. (2024). A Systematic Review, Meta-analysis, and Meta-regression of the Prevalence of Self-Reported Disordered Eating and Associated Factors Among Athletes Worldwide. Journal of Eating Disorders. PMID: 38326925. https://doi.org/10.1186/s40337-024-00982-5
- Martinsen M et al. (2025). Factors Predicting Disordered Eating and the Prevalence of Eating Disorders in Adolescent Elite Athletes. British Journal of Sports Medicine. PMID: 40097165. https://doi.org/10.1136/bjsports-2024-108808
- Kew ME et al. (2026). Prevalence of Clinically Significant Symptoms of Anxiety, Depression and Disordered Eating in Elite Female Athletes: A Systematic Review and Meta-analysis. Psychology of Sport and Exercise. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2026.102700
Disclaimer: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische, psychologische oder ernährungsmedizinische Beratung. Bei konkretem Verdacht auf eine Essstörung oder bei psychischen Belastungen empfiehlt sich die Konsultation entsprechender Fachpersonen.
Gestörtes Essverhalten im Leistungssport ist kein Zeichen von Schwäche – es ist ein Zeichen, dass Athletinnen Unterstützung verdienen, die ihrer Leistung gerecht wird.
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