Ein Projekt des Olympiazentrum Vorarlberg

Stressfrakturen & Knochendichte im Frauensport: Was Athletinnen und Trainer:innen wissen sollten

Lesezeit: ca. 8 Minuten


Wenn der Knochen streikt – eine unterschätzte Gefahr

Eine leichte Schwellung am Schienbein, ein dumpfes Ziehen im Fuß, ein Druckschmerz, der nach dem Training anhält: Was zunächst harmlos klingt, kann eine Stressfraktur sein – eine der häufigsten und folgenreichsten Verletzungen im Ausdauer- und Leistungssport. Für Sportlerinnen ist das Risiko besonders hoch. Und dahinter steckt mehr als nur Überbelastung.

Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass Stressfrakturen nicht isoliert auftreten. Sie sind eng mit der Knochenmineraldichte (KMD), dem Energiestoffwechsel, dem Hormonhaushalt und der sportartspezifischen Belastung verknüpft – ein Zusammenspiel, das im Frauensport besonders bedeutsam ist.


Was sind Stressfrakturen, und warum sind Frauen stärker betroffen?

Stressfrakturen entstehen durch wiederholte Mikrotraumata, die die Regenerationskapazität des Knochens übersteigen. Anders als akute Frakturen entwickeln sie sich schleichend: Zunächst zeigen sich Stressreaktionen im Knochengewebe, die bei ausbleibender Entlastung zu Stressfrakturen fortschreiten können.

Ein internationales Expert:innengremium aus 41 Spezialist:innen von sechs Kontinenten hat 2025 erstmals einen internationalen Delphi-Konsens zu Knochenbelastungsverletzungen (Bone Stress Injuries, BSI) erarbeitet. Der Konsens empfiehlt, den Begriff „Bone Stress Injury“ (BSI) als Überbegriff zu verwenden, der sowohl Stressreaktionen als auch Stressfrakturen umfasst. Die Erkenntnisse zeigen klar: BSI sind das Ergebnis eines multifaktoriellen Zusammenspiels – mechanische Belastung, Ernährungsqualität, Energieverfügbarkeit, Hormonstatus und biomechanische Faktoren spielen alle eine Rolle (Hoenig et al., 2025, DOI: 10.1136/bjsports-2024-108616).


Verbreitung: Häufiger als gedacht

Stressfrakturen betreffen Athletinnen überproportional häufig. In einer prospektiven Studie mit hochtrainierten Langstreckenläuferinnen entwickelten 9 von 21 Teilnehmerinnen (43 %) innerhalb von nur sechs Monaten eine Stressfraktur – die häufigsten Lokalisationen waren Sakrum, Tibia, Kalkaneus und Schambein. Das sind Regionen, die hohen Belastungen ausgesetzt sind und gleichzeitig empfindlich auf niedrige Knochenmineraldichte reagieren (Ishida & Tohyama, 2026, DOI: 10.1177/23259671251399820).

Besonders alarmierend: Bei Athlet:innen, die an Relativem Energiemangel im Sport (REDs) erkrankt sind, liegt die Stressfraktur-Rate bei 70 %, verglichen mit 25 % bei Athlet:innen ohne REDs. Das entspricht einem fast dreifach erhöhten Risiko (von Brackel et al., 2025, DOI: 10.1002/jcsm.70082).


Die Rolle der Knochenmineraldichte: Ein messbarer Risikofaktor

Die Knochenmineraldichte (KMD) ist der stärkste unabhängige Prädiktor für das Auftreten einer Stressfraktur. Ishida & Tohyama (2026) konnten zeigen, dass eine LWS-KMD von unter 81,1 % des Young Adult Mean (YAM) eine Stressfraktur innerhalb von sechs Monaten mit 88 % Sensitivität und 74 % Spezifität voraussagt (AUC: 0,818). Dieser konkrete Grenzwert bietet eine praxistaugliche Grundlage für die sportmedizinische Routineuntersuchung mittels DXA-Messung.

Dabei ist entscheidend: BMD-Werte dürfen nicht ohne Berücksichtigung der Sportart interpretiert werden. Eine aktuelle Studie mit 213 Athlet:innen aus 13 Sportarten belegt, dass sportartspezifische Aufprallbelastung die KMD unabhängig vom REDs-Risikostatus beeinflusst. Athlet:innen aus Niedrig-Impact-Sportarten (Radsport, Schwimmen, Rudern) wiesen signifikant niedrigere Femurhalz-Z-Scores auf als Hochimpact-Sportlerinnen (Laufen, Turnen, Ballsport). Die Nutzung allgemeiner Bevölkerungsnormen kann die Knochengesundheit von Niedrig-Impact-Athletinnen systematisch überschätzen (Stellingwerff et al., 2026, DOI: 10.1007/s40279-026-02478-5).


REDs als Schlüsselfaktor: Wie Energiemangel den Knochen angreift

Relatives Energiedefizit im Sport (REDs) ist heute als eigenständiges Syndrom anerkannt, das weit über die ursprüngliche „Female Athlete Triad“ (Energiemangel, Menstruationsstörungen, niedrige KMD) hinausgeht. REDs betrifft alle Körpersysteme – und der Knochen steht besonders im Fokus.

Eine retrospektive Analyse mit 82 Elite-Athlet:innen zeigt die biochemischen Mechanismen: Bei REDs sind die Knochenformationsmarker (Osteocalcin, P1NP) supprimiert, während die Knochenresorptionsmarker (Deoxypyridinolin) erhöht sind. Hochauflösende periphere quantitative Computertomographie (HR-pQCT) offenbarte signifikant niedrigeres trabekuläres Knochenvolumen und reduzierte Kortikalisdicke – besonders an der Tibia, dem gewichtstragenden Belastungsknochen. Das Ergebnis: Eine tibia, die unter Belastung stärker bricht, weil REDs die biologischen Anpassungsmechanismen des Knochens systematisch unterdrückt (von Brackel et al., 2025, DOI: 10.1002/jcsm.70082).


Körperliche Folgen: Was Stressfrakturen langfristig bedeuten

Verletzung mit Karrierepotenzial

Stressfrakturen können karrierebeendend sein. Hochrisiko-Lokalisationen (Femurhals, Schambein, Sakrum) erfordern oft wochenlange Entlastung, manchmal operative Versorgung. Jede abgelaufene Stressfraktur erhöht das Risiko einer erneuten BSI um das Drei- bis Vierfache (Stellingwerff et al., 2026).

Struktureller Knochenschaden

REDs-bedingte Knochenveränderungen betreffen nicht nur die Dichte, sondern auch die Mikroarchitektur: weniger Trabekel, dünnere Kortikalis, verringerte Knochenqualität. Diese Veränderungen sind nicht immer vollständig reversibel – insbesondere, wenn die Wachstumsphase betroffen ist.

Das hormonelle Zusammenspiel

Chronisches Energiedefizit unterdrückt die Hypothalamus-Hypophysen-Ovarien-Achse, führt zu Menstruationsstörungen und senkt den Östrogenspiegel. Östrogen ist essenziell für die Knochengesundheit: Es hemmt die Knochenresorption und fördert die Knochenformation. Die 2025 aktualisierten Leitlinien der Female Athlete Triad Coalition betonen, dass Knochenbelastungsverletzungen nun explizit Teil des Knochengesundheitsspektrums der Triad sind. Zudem zeigt die Forschung, dass die Wiederherstellung der Menstruation allein nicht ausreicht – erst mehrere aufeinanderfolgende Zyklen normaler Länge gehen mit einer Normalisierung des Östrogen-/Progesteronniveaus einher (Williams et al., 2025, DOI: 10.1007/s40279-025-02332-0).


Hinweise für Trainer:innen und Betreuer:innen

Trainer:innen kommt eine Schlüsselrolle zu, weil sie Athletinnen täglich begleiten und frühe Warnsignale erkennen können. Einige evidenzbasierte Handlungsempfehlungen aus dem internationalen Delphi-Konsens (Hoenig et al., 2025):

Frühzeichen ernst nehmen: Lokaler Druckschmerz am Knochen, Schmerzprogression unter Belastung und Schmerz, der nach dem Training nicht vollständig abklingt, sind Warnsignale und sollten umgehend sportmedizinisch abgeklärt werden.

Trainingsbelastung dokumentieren: Rasante Steigerungen von Trainingsumfang oder -intensität (>10 % pro Woche) erhöhen das BSI-Risiko erheblich. Trainingstagebooks und Belastungsmonitoring sind präventive Basismaßnahmen.

Ernährungsstatus im Blick: Ein unbeabsichtigter Gewichtsverlust, eingeschränktes Essverhalten oder ein Missverhältnis zwischen Kalorienaufnahme und Trainingsumfang sollten frühzeitig angesprochen und einem Ernährungs- oder Sportmedizinteam gemeldet werden.

Sportartspezifisches Knochenbewusstsein: Athletinnen aus Niedrig-Impact-Sportarten brauchen gezielte Aufmerksamkeit für ihre Knochengesundheit, da ihr Trainingsreiz keine osteogenen (knochenaufbauenden) Effekte erzeugt. Ergänzende Krafttrainingseinheiten können helfen.


Handlungsempfehlungen

Für Athletinnen

Wer regelmäßig Sport treibt, sollte die eigene Knochengesundheit nicht dem Zufall überlassen. Konkrete Maßnahmen:

DXA-Messung in die Basisdiagnostik aufnehmen. Eine Knochendichtemessung (DXA) liefert belastbare Werte für die LWS und den Femurhalz. Der Grenzwert von 81,1 % YAM an der LWS ist ein konkreter Orientierungswert für das Stressfrakturrisiko (Ishida & Tohyama, 2026).

Ausreichend essen – auch und gerade im Leistungssport. Ein ausreichender Energieumsatz ist die wichtigste Schutzmaßnahme für den Knochen. Kalzium (1.000–1.300 mg/Tag) und Vitamin D (mindestens 800–1.000 IE/Tag) sind die Basisnährstoffe für Knochengesundheit.

Warnsignale nicht ignorieren. Anhaltender Druckschmerz an Tibia, Fußwurzel, Schambein oder Hüfte nach Belastung ist ein Alarmsignal – keine Durchhalte-Aufgabe.

Menstruelle Gesundheit als Leistungsindikator verstehen. Zyklusstörungen oder Amenorrhö sind kein normaler Trainingsnebeneffekt, sondern ein Hinweis auf Energiemangel und damit ein Warnsignal für die Knochengesundheit.

Für Sportmedizin und Betreuungsteams

  • Sportartspezifische BMD-Interpretation verwenden (nicht nur Bevölkerungsnormen)
  • Bei Niedrig-Impact-Athletinnen BMD-Screening proaktiv einsetzen
  • REDs Clinical Assessment Tool (CAT2) des IOC in die Routineuntersuchung integrieren
  • Bei diagnostiziertem REDs: Monitoring von Knochenformationsmarkern (P1NP, Osteocalcin) erwägen

Quellen

  1. Williams NI et al. 2025 Update to the Female Athlete Triad Coalition Consensus Statement Part 2. Sports Medicine, 2025. DOI: 10.1007/s40279-025-02332-0
  2. Hoenig T et al. International Delphi consensus on bone stress injuries in athletes. British Journal of Sports Medicine, 2025. DOI: 10.1136/bjsports-2024-108616
  3. von Brackel FN et al. Impact of Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) on Bone Health in Elite Athletes: A Retrospective Analysis. Journal of Cachexia, Sarcopenia and Muscle, 2025. DOI: 10.1002/jcsm.70082
  4. Ishida T, Tohyama H. Identification of Predictive Risk Factors for Stress Fracture in Highly Trained Female Long-Distance Runners. Orthopaedic Journal of Sports Medicine, 2026. DOI: 10.1177/23259671251399820
  5. Stellingwerff T et al. Sport-Specific Impact Loading is Associated with Bone Mineral Density in Athletes. Sports Medicine, 2026. DOI: 10.1007/s40279-026-02478-5

Disclaimer

Die Informationen in diesem Artikel dienen der allgemeinen Wissensvermittlung und ersetzen keine individuelle sportmedizinische oder ernährungsmedizinische Beratung. Bei Verdacht auf eine Stressfraktur oder Knochenbelastungsverletzung ist umgehend eine sportmedizinische Fachperson aufzusuchen.

© femaleathlete.at · Olympiazentrum Vorarlberg · Juli 2026

Teile diesen Inhalt

Facebook
Twitter
LinkedIn

Weitere Beiträge