Kategorie: Ernährung & Gesundheit | Lesezeit: ca. 8 Minuten Zielgruppe: Athletinnen, Mädchen im Nachwuchssport, Trainer:innen
Hartes Training, voller Einsatz – und trotzdem stagniert die Leistung? Anhaltende Müdigkeit, unregelmäßige oder ausbleibende Periode? Der Körper schickt möglicherweise ein wichtiges Signal. Die Sportwissenschaft kennt dieses Muster unter dem Begriff RED-S – Relative Energy Deficiency in Sport, auf Deutsch: relatives Energiedefizit im Sport. Und aktuelle Forschung zeigt: RED-S ist weitaus verbreiteter und folgenreicher, als die meisten ahnen.
Was ist RED-S eigentlich?
RED-S entsteht, wenn dem Körper dauerhaft weniger Energie zugeführt wird, als er tatsächlich benötigt – nicht nur für das Training, sondern auch für alle lebenswichtigen Funktionen: Hormonproduktion, Immunabwehr, Knochenstoffwechsel, Herzfunktion und vieles mehr. Der Körper reagiert darauf mit einem stillen Sparmodus, der sich schleichend auf nahezu alle Organsysteme auswirkt.
Wichtig zu verstehen: RED-S ist nicht immer Absicht. Viele Athletinnen essen nicht absichtlich zu wenig – sie unterschätzen schlicht den Energiebedarf eines intensiven Trainingspensums. Das nennt man unbeabsichtigtes Energiedefizit, und es ist genauso problematisch wie bewusstes Einschränken.
Wie verbreitet ist das Problem? Erschreckend häufig.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit, die 14 Studien mit 265 Athletinnen aus 12 verschiedenen Teamsportarten ausgewertet hat, kommt zu einem alarmierenden Ergebnis: 26 bis 80 Prozent der untersuchten Athletinnen zeigten Zeichen einer zu niedrigen Energieverfügbarkeit – je nachdem, welche Messmethode verwendet wurde (Billingham et al., 2025). Das bedeutet: RED-S ist kein Randphänomen von Ausdauersportarten oder Ästhetiksportarten. Es betrifft Fußball, Handball, Volleyball und viele andere Teamsportarten genauso.
Und bei Nachwuchsathletinnen? Auch hier ist die Lage ernst. Ein aktueller Review der renommierten Fachzeitschrift Current Opinion in Pediatrics fasst zusammen, dass RED-S bei Jugendlichen beider Geschlechter in allen Sportarten vorkommt und mit negativen Auswirkungen auf mehrere Organsysteme gleichzeitig verbunden ist (Catalan & Wiener, 2026). Neu und besonders relevant: Schon eine niedrige Kohlenhydratverfügbarkeit – selbst ohne ein vollständiges Energiedefizit – kann unabhängig davon Knochengesundheit, Eisenstoffwechsel und Immunfunktion beeinträchtigen.
Was passiert im Körper bei zu geringer Energiezufuhr?
Die Leistung leidet – messbar und direkt
Ein randomisiertes Crossover-Experiment an jungen aktiven Frauen und Männern hat untersucht, was passiert, wenn der Körper nur 15 statt 45 kcal pro Kilogramm fettfreier Masse und Tag bekommt – und zwar über nur fünf Tage (Reina et al., 2026). Das Ergebnis ist eindeutig: Bereits nach dieser kurzen Zeit verschlechterte sich die hochintensive Leistungsfähigkeit (gemessen im Wingate-Test) signifikant. Der Ruhestoffwechsel verschob sich in Richtung Fettverbrennung – aber ausgerechnet während des Sports blieb diese Verschiebung aus. Der Körper kann den Mangel im Training also nicht kompensieren.
Interessant ist auch, was die Teilnehmerinnen berichteten: Hunger, Erschöpfung, Schwäche und Frustration – Symptome, die viele ambitionierte Sportlerinnen vielleicht als „normal“ abtun. Dabei sind sie klare Warnsignale, die ernst genommen werden sollten. Übrigens: Eine erhöhte Proteinzufuhr allein schützt nicht vor dem Leistungsverlust – der Kohlenhydratspiegel ist entscheidend.
Die Knie sind gefährdet
Besonders augenöffnend ist ein Review aus dem Journal of ISAKOS, der sich speziell mit dem Zusammenhang zwischen RED-S und Knieverletzungen bei Frauen befasst (Wang et al., 2024). Bekannt ist bereits, dass Athletinnen grundsätzlich häufiger Knieverletzungen erleiden als ihre männlichen Kollegen – bedingt durch anatomische, hormonelle und neuromuskuläre Unterschiede. RED-S verschärft dieses Risiko noch einmal deutlich:
- Der Mangel an anabolen Hormonen durch LEA beeinträchtigt den Muskelaufbau und die Sehnenreparatur
- Menstruationsstörungen verschlechtern die neuromuskuläre Kontrolle – ein wichtiger Schutzmechanismus für das Knie
- Chronischer Mangel an Kollagen und Vitamin D verlangsamt die Heilung von Mikrotraumata in Bändern und Sehnen
Das Fazit der Autor:innen ist klar: Jede Knieverletzung bei einer Athletin – sei es ein VKB-Riss, eine Patellasehnenreizung oder das patellofemorale Schmerzsyndrom – sollte Anlass sein, aktiv nach RED-S zu screenen.
Die Knochen bezahlen den Preis – besonders in der Jugend
Noch gravierender sind die Folgen für junge Athletinnen. Ein umfassender Review zu funktioneller hypothalamischer Amenorrhö (FHA) – dem Ausbleiben der Periode infolge von Energiemangel und Stress – zeigt, wie tiefgreifend die Schäden sein können (Wong et al., 2025):
Die Adoleszenz ist der wichtigste Zeitraum für den Aufbau der maximalen Knochenmasse (Peak Bone Mass). Wer in diesen Jahren zu wenig isst und dadurch die Periode verliert, riskiert, diese einmalige Aufbauphase unwiederbringlich zu verpassen. Erhöhte Kortisolwerte, niedriger IGF-1 und Östrogenmangel schädigen Knochenstruktur und -dichte auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Die Folgen: erhöhtes Risiko für Osteopenie, Osteoporose und Stressfrakturen – teils schon im Teenageralter.
Ermutigend ist: Wenn früh eingegriffen wird, ist vieles reversibel. Ernährungsrehabilitation, Reduktion der Trainingsbelastung und psychologische Unterstützung sind die Erstmaßnahmen. In hartnäckigen Fällen kann auch transdermales Östrogen helfen – neuere Studien zeigen, dass es die Knochen besser schützt als die Antibabypille.
Für Trainer:innen und Betreuer:innen: Was zu wissen ist
RED-S ist kein individuelles Versagen einer Athletin – es ist oft ein systemisches Problem. Der Review von Catalan & Wiener (2026) betont, wie wichtig ein multidisziplinärer, individualisierter Ansatz ist: Sportmedizin, Ernährungsberatung, Psychologie und Trainerteam müssen Hand in Hand arbeiten.
Neue Leitlinien empfehlen klare Kriterien für:
- DXA-Knochendichtemessung – wann sie sinnvoll ist und was die Ergebnisse bedeuten
- Risikoklassifikation – welche Athletinnen besonders gefährdet sind
- Return-to-Sport-Entscheidungen – wie der Wiedereinstieg nach RED-S verantwortungsvoll gestaltet wird
Ein besonderer Appell gilt für den Nachwuchssport: Kommentare über das Körpergewicht von Mädchen und jungen Frauen – auch gut gemeinte – können nachhaltigen Schaden anrichten. Untersuchungen bei Eiskunstläufer:innen zeigen, dass über die Hälfte der Athletinnen solche Kommentare erhalten hat, und dass dies direkt mit erhöhten Raten an Essstörungen und Disordered Eating verbunden ist.
Was Athletinnen tun können
Wer sich in einigen der folgenden Punkte wiedererkennt, hat keinen Grund zur Panik – aber ein klares Signal zum Handeln:
Zeichen, die ernst genommen werden sollten:
- Unregelmäßige oder ausbleibende Periode
- Anhaltende Müdigkeit trotz ausreichend Schlaf
- Häufige Infekte oder langsame Erholung
- Stressfrakturen oder wiederkehrende Knochenschmerzen
- Leistungsstagnation oder -abfall trotz Training
- Häufige Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme
Was hilft:
- Ein offenes Gespräch mit der Sportärztin oder dem Sportarzt suchen
- Die Energieversorgung von einer Sportdiätologin überprüfen lassen
- Den Menstruationszyklus dokumentieren – er ist ein wichtiger Gesundheitsmarker
- Auf eine ausreichende Kohlenhydratzufuhr achten – besonders rund ums Training
Athletinnen geben täglich alles für ihren Sport. Der Körper verdient genauso viel Fürsorge zurück. Gute Ernährung ist keine Schwäche – sie ist die Grundlage jeder Leistung.
Quellen
- Catalan M, Wiener S. (2026). Impact of relative energy deficiency in sport on adolescent athletes. Current Opinion in Pediatrics. DOI: 10.1097/MOP.0000000000001578
- Reina BA et al. (2026). The Influence of Short-Term, Severe Low Energy Availability With Varying Protein Content on Substrate Metabolism, High-Intensity Exercise Performance and Subjective Responses in Young Adults. European Journal of Sport Science. DOI: 10.1002/ejsc.70125
- Billingham T et al. (2025). Relative energy deficiency in sport (REDs) in elite adult team ball sport athletes: a systematic review. Journal of Science and Medicine in Sport. DOI: 10.1016/j.jsams.2025.10.011
- Wang M, Chee J, Tanaka MJ, Lee YHD. (2024). Relative Energy Deficiency in Sport (REDs) and knee injuries: current concepts for female athletes. Journal of ISAKOS. DOI: 10.1016/j.jisako.2024.05.012
- Wong L et al. (2025). Functional hypothalamic amenorrhea in adolescent athletes impairs bone accrual and increases fracture risk. Frontiers in Endocrinology. DOI: 10.3389/fendo.2025.1709695


