Lesezeit: ca. 8 Minuten
Der Zyklus als Informationsquelle – nicht als Hindernis
Lange wurde der weibliche Menstruationszyklus im Leistungssport kaum systematisch berücksichtigt. Heute ist klar: Wer den Zyklus ignoriert, ignoriert einen zentralen physiologischen Einflussfaktor auf Training, Erholung und Wettkampf. Immer mehr Spitzensportverbände – von der UEFA bis zu nationalen Olympiaakademien – entwickeln strukturierte Protokolle für das Zyklustracking. Doch was bringt das Monitoring wirklich? Und was sagt die aktuelle Forschung dazu?
Was ist Zyklustracking?
Zyklustracking im Leistungssport bezeichnet die systematische, tägliche oder zyklische Erfassung von Menstruationsparametern – Zykluslänge, Blutungsdauer, Symptome und Hormonstatus – mit dem Ziel, individuelle Muster zu erkennen und Trainings- oder Regenerationsstrategien darauf abzustimmen.
Die Methoden reichen von einfachen Papiertagebüchern über spezialisierte Apps (z. B. FitrWoman®) bis hin zu Wearables mit Biometrieerfassung und biochemischen Tests (Urinstreifentests auf Ovulationshormone, Speichelproben). Eine aktuelle Übersichtsarbeit von Mikkonen et al. (2025) bewertet das gesamte Methodenspektrum und empfiehlt einen individuell angepassten Ansatz, der sowohl natürlich zyklierende Athletinnen als auch Anwenderinnen hormoneller Verhütung berücksichtigt (DOI: 10.1007/s40279-025-02338-8).
Verbreitung: Wie weit ist Zyklustracking im Spitzensport angekommen?
In einer internationalen Querschnittsstudie mit 251 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus 30 Sportarten zeigten Majumder et al. (2026), dass rund 88 % der Befragten den Einfluss des Zyklus auf Training und Leistung anerkannten – aber weniger als zwei Drittel der Athletinnen dokumentierten ihn auch aktiv, und nur rund 23 % des Betreuungspersonals integrierten das Tracking in die Planung (DOI: 10.1123/ijspp.2025-0468). Das zeigt: Bewusstsein ist vorhanden, die Umsetzung bleibt lückenhaft.
Die UEFA hat 2025 in einem Konsensusdokument, das mithilfe der RAND-UCLA-Methode und einem multidisziplinären Expertengremium erarbeitet wurde, 82 Statements in fünf Domänen verabschiedet. Kernbotschaft: Zyklustracking fördert das Wohlbefinden, hilft, Zyklusunregelmäßigkeiten frühzeitig zu erkennen, und stärkt die Gesundheitskompetenz der Athletinnen. Die Evidenz für einen direkten Zusammenhang zwischen Zyklusphasen und Wettkampfleistung sei hingegen derzeit noch unzureichend (DOI: 10.1136/bmjsem-2025-002769).
Körperliche Folgen des Zyklus im Sport: Was wirklich zählt
Symptombelastung schlägt Hormonspiegel
Eine der wichtigsten Erkenntnisse der letzten Jahre kommt aus einer Observationsstudie mit 37 Radfahrerinnen und Triathletinnen: Smith et al. (2025) fanden, dass weder Östradiol- noch Progesteronkonzentrationen im Blut die Wettkampfzeit in einem 19,5 km-Zeitfahren vorhersagten. Was die Leistung jedoch signifikant beeinträchtigte, waren die wahrgenommenen Symptome am Renntag – insbesondere gastrointestinale Beschwerden. Fazit: Es ist nicht der Hormonspiegel selbst, sondern das individuelle Symptommanagement, das leistungsrelevant ist (DOI: 10.1249/MSS.0000000000003587).
Schlaf, Erholung und Stress
Eine dreimonatige Longitudinalstudie mit Elite-Basketballerinnen von Kullik et al. (2025) bestätigt diesen Befund auf einer anderen Ebene: Die Zyklusphase an sich hatte nur begrenzte und inkonsistente Effekte auf Schlafqualität und Erholungszustand. Entscheidend war wiederum die individuelle Symptombelastung: Mehr und schwerwiegendere Symptome an einem Tag korrelierten direkt mit schlechterem Schlaf, reduzierter Erholung und erhöhtem subjektivem Stresserleben. Diese Befunde sprechen für symptombasiertes statt reines phasenbasiertes Monitoring (DOI: 10.3389/fphys.2025.1663657).
Wissenschaftliche Einordnung: Ein Rahmenwerk für die Forschung
Um die widersprüchlichen Studienergebnisse zu ordnen, schlagen Oester et al. (2026) ein übergreifendes konzeptuelles Rahmenwerk vor, das biologische, psychologische und kontextuelle Faktoren der Menstruationsgesundheit im Sport systematisch verknüpft. Besonders wichtig: Die Autor:innen mahnen, Zusammenhänge zwischen Zyklusphasen und Leistung nicht ohne sorgfältige Berücksichtigung von Störvariablen zu interpretieren. Kausalaussagen erfordern robuste Studiendesigns und statistische Modellierung (DOI: 10.1007/s40279-026-02411-w).
Hinweise für Trainer:innen und Betreuungsteams
Die Forschungslage liefert klare Orientierungspunkte für die Praxis:
Tracking einführen – aber mit Bedacht. Der UEFA-Konsens (Verhagen et al., 2025) empfiehlt, Datenschutz, Freiwilligkeit und den Schutz der Privatsphäre als absolute Voraussetzung zu behandeln. Athletinnen sollten Eigentümerinnen ihrer Zyklusdaten bleiben.
Symptome dokumentieren, nicht nur Phasen. Beide Studien (Smith et al. 2025; Kullik et al. 2025) zeigen, dass die tägliche Symptombelastung relevanter ist als die Zyklusphase. Tracking-Protokolle sollten daher Symptomintensität und -häufigkeit erfassen.
Hormonelle Verhütung mitdenken. Athletinnen, die hormonelle Kontrazeptiva nutzen, brauchen eigene Monitoring-Protokolle. Nolte et al. (2026) zeigten, dass kombinierte orale Kontrazeptiva den Androgenspiegel signifikant senken – ein Aspekt, der bei leistungsphysiologischen Interpretationen nicht ignoriert werden darf.
Kommunikation aufbauen. In der Studie von Majumder et al. (2026) gaben Athletinnen an, sich deutlich wohler damit zu fühlen, den Zyklus mit weiblichen (92 %) als mit männlichen (55 %) Trainer:innen zu besprechen. Gezielte Schulungsmaßnahmen für das gesamte Betreuungsteam sind notwendig.
Individualisierung vor Pauschalisierung. Zyklusverläufe, Symptommuster und Reaktionen auf Training sind hochindividuell. Santabarbara et al. (2024) bestätigen: Die Variabilität zwischen Athletinnen – und innerhalb einer Athletin von Zyklus zu Zyklus – ist so groß, dass Pauschalempfehlungen kaum möglich sind.
Handlungsempfehlungen für Athletinnen
Auf Basis der aktuellen Studienlage empfiehlt es sich:
- Den Zyklus täglich in einer App oder einem Notizbuch zu dokumentieren – mindestens Zyklusbeginn, Blutungsdauer und die zwei bis drei häufigsten Symptome.
- Subjektive Leistungsfähigkeit und Erholungsqualität parallel zu erfassen, um individuelle Muster über mehrere Zyklen hinweg zu erkennen.
- Das Tracking-Protokoll mit dem medizinischen Betreuungsteam abzustimmen, insbesondere bei bestehenden Zyklusunregelmäßigkeiten oder hormoneller Verhütung.
- Den Fokus auf Symptommanagement zu legen: Schlafroutinen, Ernährungsanpassungen und Regenerationsmaßnahmen an symptomreichen Tagen zu priorisieren.
- Zyklusdaten nicht isoliert zu interpretieren, sondern im Kontext von Trainingsbelastung, Erholungsschlaf und psychischer Gesundheit zu betrachten.
Fazit
Zyklustracking im Leistungssport ist kein Trend, sondern evidenzbasierte Praxis. Die aktuelle Forschung macht aber auch deutlich: Nicht die Zyklusphase selbst, sondern die individuelle Symptombelastung ist der entscheidende leistungsrelevante Faktor. Ein gut implementiertes Tracking stärkt Gesundheitskompetenz, ermöglicht frühzeitiges Erkennen von Störungen und schafft die Grundlage für wirklich individualisierte Trainingssteuerung.
Athletinnen, die ihren Zyklus kennen und verstehen, sind besser in der Lage, ihre Leistung zu optimieren und ihre Gesundheit langfristig zu schützen.
Quellen
- Verhagen E et al. (2025). UEFA consensus statement on menstrual cycle tracking in women’s football. BMJ Open Sport Exerc Med, 11(3), e002769. https://doi.org/10.1136/bmjsem-2025-002769
- Mikkonen RS et al. (2025). Monitoring Menstrual Health in Footballers. Sports Medicine. https://doi.org/10.1007/s40279-025-02338-8
- Oester C et al. (2026). An Overarching Conceptual Framework for Menstrual Health in Sport Research. Sports Medicine, 56(5), 1113–1140. https://doi.org/10.1007/s40279-026-02411-w
- Kullik L et al. (2025). Impact of menstrual cycle phase and symptoms on sleep, recovery, and stress in elite female basketball athletes. Frontiers in Physiology, 16, 1663657. https://doi.org/10.3389/fphys.2025.1663657
- Smith ES et al. (2025). Perceived Negative Menstrual Cycle Symptoms, But Not Changes in Estrogen or Progesterone, Are Associated with Impaired Cycling Race Performance. Med Sci Sports Exerc, 57(3), 590–599. https://doi.org/10.1249/MSS.0000000000003587
Disclaimer: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Zyklusunregelmäßigkeiten oder gesundheitlichen Beschwerden sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.
© femaleathlete.at · Olympiazentrum Vorarlberg · Mai 2026

